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Panos Karnezis

Erzählband „Kleine Gemeinheiten“

von Panos Karnezis

Vom Jüngsten Gericht zur Sintflut

Am Anfang von Panos Karnezis lose verknüpfter Geschichtenfolge „Kleine Gemeinheiten“ steht das Jüngste Gericht, an ihrem Ende die Sintflut. Jedenfalls schreit der Dorfpfarrer Gerasimo auf der zweiten Buchseite von seiner Veranda »Der Jüngste Tag hat begonnen« und ist überzeugt davon, dass Gottes Zorn auf seine sündigen Schäfchen herabkommt, während die Erde bebt. Dann wird in 19 Erzählungen von allerhand Taten und Verhaltensweisen berichtet, von denen manch eine das wohl auch verdient hätte.

Unerhörtes, Komisches, Burleskes, Groteskes ereignet sich in einem namenlosen, armen, griechischen Dorf, von dem sein Pfarrer sagt:

»Dieses Dorf zieht das Unheil an wie das Licht die Motten«

Aber auch:

»Selbst wenn eine neue Sintflut über uns hereinbrechen würde, ich würde mich nicht mehr von hier fortbewegen.«

Und diesem Entschluss bleibt er treu bis zum bitteren Ende – bis zur Sintflut. Bis schließlich der Fortschritt »Einzug im Land wie eine Besatzungsarmee« hielt. Bis das ganze, altertümliche Dorf weichen muss. Es wird bei einem Dammbau geflutet, samt seiner Bewohner. Denn die wollten ihre Heimat nicht aufgeben, sind nach der behördlich organisierten Umsiedlung zurückgekehrt und wurden darauf allesamt fortgespült.

Griechenlandfans werden sich in diesem bedauernswerten namenlosen kleinen Dorf gleich zu Hause fühlen. Kaum ein Ingredienz griechischer Dorfidylle fehlt. Natürlich gibt es ein Kafenio wie in jedem ordentlichen griechischen Dorf und einen Dorfplatz mit einer weit ausladenden Kastanie. Es gibt ein Friseurgeschäft mit kaputtem Spiegel, einen Lebensmittelladen, eine Taverne und einen Bahnhof mit einer zum Himmel stinkenden defekten Toilette, von dem aber bald keine Züge mehr fahren sollen. Zum ständigen Personal gehören außer dem Pfarrer Gerasimo der saufenden Anwalt Zacharia, der unlegitimierte Arzt Dr. Panteleon, ein Schlachter, der zum Mörder wird und selbst kläglich endet, eine Dorfhebamme und ein Landbesitzer, der sich so gemein zur Dorfbevölkerung verhält, dass diese schließlich nicht anders kann, als einen Wolf auf ihn zu hetzen, und einen Bürgermeister, der bald seines Amtes enthoben werden soll, weil das Dorf sich bei einer Volkszählung als zu klein erweist um eines solchen Oberhaupts zu bedürfen.

Mit einer überbordenden Phantasie spinnt der 1967 in Griechenland geborene und seit1992 in England lebende Autor aus diesen Bestandteilen seine phantastisch, zuweilen mystisch, manchmal märchenhaft anmutenden Geschichten. Wo Pope, Hure, Barbier, Wilderer und mehr oder weniger brave Dorfbewohner als Personal nicht reichen, müssen eben auch schon mal noch ein Zentaur und eine Meerjungfrau her, damit auch mythische Anspielungen nicht zu kurz kommen.

Das Buch erschien auf Englisch bereits im Jahr 2002, also zu einer Zeit, zu der noch nicht gemutmaßt wurde, ob Griechenland denn wohl „untergehe“ oder „gerettet“ werde(n solle).  Hätte ich das nicht gewußt, so wäre es mir wie eine finstere Parabel auf die heutige Krisenzeit vorgekommen, deren Elend dem des armen Dorfes nicht unähnlich ist und die „Problemlösungen“ hervorbringt, die oft ähnlich absurd wie das Buchgeschehen scheinen.  Auch heute werden Ämter eingespart, öffentliche Verkehrslinien stillgelegt, Einrichtungen und Gebäude dem Verfall preisgegeben, bleiben Verzweiflungstaten letzter Ausweg, so dass man meinen möchte ein Jüngstes Gericht oder die Sintflut seien über das Land hereingebrochen. So las ich das Buch – so (aber)witzig einzelne Szenen sind – mit großer Beklemmung.

Panos Karnezis „Kleine Gemeinheiten„, Taschenbuch 288 Seiten, Deutscher Taschenbuch Verlag 2007,ISBN-10: 3423135697, ISBN-13: 978-342313569

Neuer Roman des Autors

Auch in deutscher Übersetzung erschienen ist der erste Roman von Panos Karnezis, der »Der Irrgarten«, der im griechischen Schicksalsjahr 1922 nach dem griechisch-türkischen Krieg spielt.

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