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Lektüre für die Passionszeit

Wenn es darum geht, aus dem Fundus griechischer Literatur etwas Besinnliches für die Wochen der Passionszeit auszuwählen, für jene Zeit des Fastens und Innehaltens, in der sich der Fokus auf Leid und Verzicht richtet – von eigener Entbehrung über das Leid des Anderen bis zum Leidensweg Christi – dann fallen mir vor allem die folgenden zwei Bücher ein:

Der Erzählband Warte nur, es passiert schon was des 1970 in Athen geborenen Schriftstellers Christos Ikonomou.

Denn was könnte besser in die Passionszeit passen als diese einfühlsam und  in düsteren Tönen erzählten Geschichten über Verlassene, Verratene, Arbeitslose, in bittere Armut Gestürzte, ja schließlich ihrer Sprache Beraubte, über deren Lebensumstände, deren Freunde, deren Hoffnungen und Enttäuschungen.Herzzerreißend traurig die 16 Erzählungen. Zwei davon spielen zu Ostern. Doch auch diese ohne Happy End. Christi Auferstehung bringt ihren Protagonisten keine Osterfreude, zu tief verstrickt sind sie in ihr Leid: Der Vater, der seinem kleinen Sohn so gern etwas Hübsches, Festliches,  wie Ostergebäck oder ein Überraschungsei bringen wollte, dem aber das Geld fehlt;  und der Mann, dessen am Gründonnerstag verunglückter bester Freund am Ostersamstag im Krankenhaus starb. Er spürte am Ostermontag „draußen hatte sich anscheinend gar nichts verändert. Dunkelheit und Kälte, es sah nach Regen aus, der reinste Karfreitag. “

Griechische Klagelieder – Mit Verweisen auf Epen Homers von Vassilis P. Matsinopoulos

Diese 2013 im Verlag Königshausen und Neumann als zweisprachige Ausgabe erschienene Sammlung von Gesängen, die griechische Klageweiber am Totenbett anstimmen, führt in einen besonderen Aspekt griechischen Brauchtums und griechischen Lied- und Volksguts ein, der mit Totenkult und Trauerarbeit zu tun hat und auf einer bis in die Antike zurückgehenden Tradition basiert.  Die Texte dieser Gesänge sind von der Todesvorstellung der griechischen Antike geprägt. Sie sprechen von Charos (Χάρος), dem antiken Todesgott, und dem Hades (Άδης), der lichtlosen Unterwelt. Christliche Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod fehlen komplett. Nirgends ist die Rede von Hölle und Paradies, Himmel und Engeln, obwohl in Griechenland seit mindestens 1700 Jahren der christliche Glaube dominiert.
Dem Autor war es ein Anliegen diese Texte authentisch und in ihren vielen Variationen zu bewahren, bevor sie zusammen mit Traditionen und Ritualen im Zuge von Urbanisierung und Globalisierung immer mehr verschwinden. Denn wie das griechische Volklied (δημοτοκό τραγούδι) schlechthin, zu dem sie eine Untergattung bilden, entstammen sie einer vorwiegend bäuerlichen, in der Abgeschiedenheit schwer zugänglicher Gegenden lebenden Gesellschaft, an der  geistige Strömungen und Urbanität vorübergingen, und spiegeln deren kollektiven Erfahrungen, Nöte und Freuden wider. Noch fand Matsinopoulos Klageweiber, die die Lieder kennen und sie ihm vortrugen, so dass er sie aufzeichnen konnte.

 

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